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Foto: http://www.ibb-d.de/trostenez.html

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Eine Gedenkstätte in Malyj Trostenec

vom 19.08.2015 10:46:46

Einer bisher unendlich erscheinenden Geschichte wird derzeit ein weiteres Kapitel hinzugefügt: Den Plänen für eine Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen nationalsozialistischen Vernichtungslager bei Minsk in Belarus. Am 22. Juni, dem Jahrestag des Überfalls des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion, eröffnete Präsident Lukaschenko einen „Gedenkkomplex“ auf dem historischen Gelände des ehemaligen Lagers.

Zu dem nun öffentlich zugänglichen Teil der Gedenkanlage gehört neben der zentralen Skulptur „Tor der Erinnerung“ des Künstlers Konstantin Kostjučeno die Überformung von Gebäuderesten, die bei den Bauarbeiten entdeckt wurden und möglicherweise Reste des Hauses des Lagerkommandanten sind. Genau kann man das nicht sagen, Informationstafeln gibt es nicht und so hat man denn auch gleich weitere „Reste“ hinzugefügt, um eine Lagerstruktur anzudeuten, von der wir aber nicht wissen können, ob sie denn so war. Originalteile des Lagers haben sich keine erhalten. Außerdem aufgestellt wurden zwei Eisenbahnwaggons aus den 40er Jahren, die aber ebenfalls mit den Transporten nach Trostenec nicht in Verbindung gebracht werden können und auch nicht dort aufgestellt wurden, wo die Transporte ankamen. Was klingt, wie ein fahrlässiger und ärgerlicher Umgang mit der Geschichte, ist in der Tat aber eine kleine Revolution. Seit Jahren schleppen sich die Pläne, am historischen Ort an die Gewalttaten der deutschen Besatzer zu erinnern, dahin. Seit ca. zwei Jahren nimmt das Projekt nun Fahrt auf, die städtische Architektengruppe „MinskProjekt“ unter der Leitung von Anna Aksjonova legte Entwürfe für einen Teil des historischen Geländes vor. Das jetzt angelegte Gelände ist der erste von zwei Teilen, die gemäß diesen Plänen neu gestaltet werden sollen. Dazu gehören das Gelände des Gutes Malyj Trostenec, wo sich auch die Scheune befand, in der im Juni 1944 bis zu 6.500 Menschen erschossen und anschließend verbrannt wurden, und der Ort, an dem sich das Krematorium befand, in Šaškova. Dank der präsidialen Unterstützung des Vorhabens wird bald mit dem zweiten Teil zu rechnen sein. Am 8. Juni 2014 fand die Grundsteinlegung durch Lukašenka statt.

Besonders interessant an dem Projekt ist aber die Diskussion über ein drittes, einige Kilometer von den genannten Orten entfernt liegendes Waldgrundstück, das ebenfalls Teil der Geschichte des Lagers ist, die Blagovščina. Hierbei handelt es sich um den Ort, an dem die aus dem Ghetto hierher verbrachten Juden ermordet wurden. Ihre Gebeine liegen dort noch heute und sind Gegenstand makabrer, illegaler Ausgrabungsaktionen. Da der Holocaust in Belarus jahrelang erst ein Tabu, dann ein rein akademisches Thema blieb und erst allmählich in die gesellschaftliche Diskussion gelangt, wurde auch die Blagovščina aus dem Gedächtnis gestrichen. Bis heute erschwert ein eigens aufgeschütteter Erdwall den Zugang, aber nahe dem Erschießungsgebiet befinden sich ein Gedenkstein und zahlreiche gelbe Zettel der Initiative „IM-MER e.v.“ aus Wien, um an die vielen österreichischen Opfer zu erinnern. Offiziell ist der Ort nach wie vor ungeliebt und lange nicht Teil der Planungen für die Gedenkstätte gewesen.

Dis änderte sich dank der Initiative des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks n Dortmund, das seit Jahren im deutsch-belarussischen Dialog aktiv ist. Zusammen mit dem belarussischen Architekten und damaligem Vorsitzenden Leonid Levin stellten sie einen weiteren Entwurf für ein Denkmal in der Blagovščina vor. Das Engagement Levins, der 2014 verstarb, setzt nun seine Tochter und Architektin Galina Levina fort. Nach langen und kontroversen Diskussionen wurde das Projekt von offizieller Minsker Seite zum Teilprojekt der städtischen Planungen erklärt. Einen Vertrag gibt es bis heute nicht, was aber viel wichtiger ist, es gibt die Zustimmung des Präsidenten für die gemeinsame Planung. Damit ist davon auszugehen, dass das Projekt realisiert werden wird, wenn auch nicht in naher Zukunft. Dazu beigetragen hat sicherlich die Absichtserklärung der deutschen Seite, die Finanzierung dieses zweiten Denkmals zu sichern, was bisher durch Spenden und öffentliche Gelder auf einem guten Weg ist.

Begleitend, aber auch in der Absicht, damit die Grundlage für eine zukünftige Dauerausstellung bzw. Informationstafeln am Ort zu schaffen, hat das IBB zudem die Initiative für eine deutsch-belarussische Wanderausstellung für Schüler in beiden Ländern gestartet. Daran bin ich als Beiratsmitglied beteiligt, das Konzept haben wir dank der Finanzierung durch das Auswärtige Amt bereist in gemeinsamer Arbeit erstellt, es wird derzeit von allen Seiten geprüft. Wenn alles glatt läuft, dann soll die Ausstellung im September 2016 in Belarus und Deutschland eröffnen. Auch die Wanderausstellung wäre zunächst nur ein weiteres Kapitel der langen Geschichte dieses historischen Ortes, aber es gibt doch Hoffnung, dass wir das Ende der Geschichte noch erleben.

Foto: http://www.hlz.hessen.de/start/nachlese/rueck-2015/rueck-8mai.htmlFoto: http://www.hlz.hessen.de/start/nachlese/rueck-2015/rueck-8mai.html

8. oder 9. Mai – Wann und wie gedenkt Europa des Kriegsendes?

vom 19.08.2015 09:02:29

Die Erinnerungskultur verschiedener europäischer Länder sowie Japans war Gegenstand eines Symposiums der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung in Kooperation mit der Universität Mainz am 24. April in Frankfurt. Mein Beitrag bestand in einem kurzen Überblick über das Gedenken in Osteuropa. Während Russland nach wie vor am 9. Mai den „Tag des Sieges“ feiert, setzten sich die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken und osteuropäischen Staaten zunehmend davon ab. Bis heute dauern die Diskussionen an, wie sie des Kriegsendes in einem nationalen und europäischen Rahmen gedenken wollen. Die Texte der Tagung sollen demnächst in einem Sammelband publiziert werden. Einen Einblick in das kollektive Gedächtnis in Deutschland für russische Leser konnte ich in der Mai-Ausgabe des russischen Museumsmagazin „Muzej“ publizieren.

8 или 9 мая – Когда и как Европа вспоминает конца войны?

Культура воспоминания в различных европейских странах и в Японии была предметом симпозиума Гессенского земельного центра Политического образования в кооперации с университетом города Майнца в 24 апреля во Франкфурте. Мой взнос существовал в коротком обзоре воспоминания в Восточной Европе. В то время как Россия по-прежнему празднует „день победы“ в 9ого мая, другие бывшие советские республики и восточноевропейские государства меняли праздничную практику. До сегодняшнего дня дискуссии продолжаются, как они хотят помнить конца войны в национальной и европейской рамке. Скоро тексты конференции опубликуются в сборнике. Текст о коллективной памяти в Германии для русских читателей я уже могла публиковать в майском издании русского музейного журнала «Музей».