/homepages/27/d711558595/htdocs/clickandbuilds/Tradicia/miszellen.php Tradicia - Miszellen

Miszellen

In dieser Rubrik publiziere ich sehr unterschiedliche Texte, die nicht in die Kategorie wissenschaftlicher Veröffentlichungen fallen, wie sie in der Publikationsliste aufgeführt sind: Reiseberichte, Kommentare, Glossen, Notizen und literarische Experimente. Kenner werden sich wundern, warum die Rubrik dennoch mit Miszellen überschrieben ist, wenn es doch gerade nicht um wissenschaftliche Kurztexte geht. Das lateinische Wort miscellaneus meint gemischt, und so hat auch Theodor Fontane ihn verstanden, als er darunter in „Über Land und Meer“ ein unterhaltsames Erzählen, allerlei oder auch Anekdoten aus allen fünf Weltteilen verstand. Daran möchte ich mich orientieren, und darüber hinaus scheint es mir die beste Entsprechung des russischen очерк zu sein. Allerdings erscheinen hier nur Texte auf deutsch, denn so sehr ich die russische Sprache auch liebe, ich werde sie wohl nie auf einem zufriedenstellenden Niveau der Schriftsprache beherrschen.

Fernsehprobleme

vom 24.04.2020 16:30:44

Heute morgen war der Haustechniker wegen Problemen beim Fernsehempfang bei uns. Sofort sah er die Postkarte von Wasili Polenows Gemälde Großmutters Garten (1878) auf der Kommode und begann, von dem Künstler zu schwärmen. Dabei schaute er träumerisch auf die dargestellte Szene des Spaziergangs einer alten Dame in einem schwarzen Kleid mit Gehstock, gestützt von einer jungen Frau in einem hellen Sommerkleid in einem romantisch wildwüchsigen Garten, im Hintergrund ein einstmals prächtiges Herrenhaus.

Ich erzählte dem Techniker, dass wir am Wochenende die Ausstellung von Polenows Werken in der Tretjakow-Galerie gesehen hatten und dafür lange hatten anstehen mussten. „Ja, klar“, sagte er, „Polenow ist schon etwas ganz Besonderes.“ Dann erzählte er mir, dass zwei Stunden von Moskau entfernt noch immer dessen Geburtshaus steht, das heute von seiner Enkelin geleitet wird. „Gebaut hat er das Haus von dem Geld, das er vom Zaren für sein berühmtes Gemälde von Christus Wer wirft den ersten Stein? bekommen hat. Da müssen Sie unbedingt hinfahren, am besten im Frühling, wenn alles blüht,“ schwärmte er.

Wir haben uns dann noch lange philosophisch über das Motiv auf der Postkarte ausgetauscht. Ich erzählte ihm, dass ich sie für meine 92-jäjhrige Mutter gekauft habe, weil der gemeinsame Spaziergang, wie mir scheint von Mutter und Tochter so tröstlich wirkt. „Das täuscht“, der Fernsehfachmann hob die Augenbrauen. „Das Anwesen, die harmonische Darstellung der Personen, all das sieht aus wie die gute alte Zeit. Wenn man aber genau hinsieht, erkennt man, dass all das bereits im Verfall begriffen ist. Die sogenannten guten alten Zeiten neigen sich dem Ende zu.“ Ich konnte ihm nur zustimmen, und wünschte mir, dass ich öfter Probleme mit dem Fernseher hätte.

Moskau, März 2020

Globalisierung

vom 18.04.2020 10:25:36

Bisher dachte ich immer, mit Belarus eine einigermaßen interessante Destination beim Reisen zu haben. Wie normal und europäisch Weißrussland allerdings ist, erfuhr ich neulich bei meiner Ankunft am Frankfurter Flughafen. Eine junge Blondine aus den USA verwickelte, zunächst auf Englisch, zahlreiche Fahrgäste des Flughafentranferbusses in ein Gespräch, in dem die Globalisierung zum Greifen nahe war. Zunächst stellte sie fest, dass sie und ein weiterer Mitreisender sich bereits in London beim Umsteigen getroffen hatten. Wie ich herausstellte, war dieser im heimatlichen Tschad auf Reisen gegangen, von dem die Amerikanerin indessen bisher nichts gehört hatte. Sie selbst war, wie sie freimütig berichtete, heute aus Chicago gekommen, um ihren deutschen Freund, der schüchtern neben ihr Platz genommen hatte, in Frankfurt zu besuchen. Dieses war für den Mann aus dem Tschad nur eine weitere Zwischenstation auf dem Weg nach Magdeburg zum Klassentreffen. Dort war er, wie er nun in nahezu akzentfreiem Deutsch den Umstehenden berichtete, vor 25 Jahren zum Ingenieursstudium gewesen, denn der Tschad habe damals wie heute dringend Fachkräfte gebraucht. Das bestätigte ein Ehepaar mittleren Alters mit Backpacker-Gepäck in reinstem Hochdeutsch, erkundigte sich aber höflich, wo denn Magdeburg gelegen sei. Dies wiederum erstaunte den Zentralafrikaner, der sogleich erfuhr, dass die beiden aus Südafrika stammten und das erste Mal in Deutschland waren. Währenddessen führte die junge Frau aus Chicago ein unangemessen ernstes Gespräch (übrigens in leidlichem deutsch) mit ihrem Freund über die Nachteile einer Fernbeziehung über geschätzte 10.000 km. Aber auch in einem so ernsten Fall spielt offenbar das Wetter eine erhebliche Rolle, weshalb sie sich bei einer bisher unbeteiligten jungen Frau erkundigte, ob die Sommer hier in Deutschland immer so schlecht seien. Diese antwortete, dass sie zwar eine gebürtige Mannheimerin sei, aber seit geraumer Zeit in Dubai lebe, wo die Sommer nebenbei bemerkt immer heiß seien. Spätestens zu diesem Zeitpunkt kam mir Belarus so unspektakulär zentraleuropäisch vor wie sonst nur Magdeburg oder Mannheim.

Berlin, 2012

Im Dienste des Vaterlandes

vom 18.04.2020 10:13:43

Heute war ein Frauentag. Das sind die Tage, an denen ich als „Ehefrau des Oberstleutnant“ unterwegs bin. So steht es in meinem Diplomatenpass, und zwar unter „Dienstbezeichnung“. Eigentlich bin ich gewöhnt, hier zwischen „Historikerin“, „Ausstellungskuratorin“ oder „Dozentin“ zu wählen, aber für den ausfüllenden Beamten im BMVg war das keine Frage, als man unsere Daten für den Pass aufgenommen hat. Es wird auch nicht vermerkt, welchem Oberstleutnant ich als Ehefrau zugehörig bin – immerhin tragen ja viele Eheleute heutzutage weiterhin ihren eigenen Familiennamen, aber sei’s drum, für meine Dienstverpflichtungen spielt das schließlich keine Rolle.

Heute war ich also zuerst um 10.30 Uhr zum Frühstück bei Frau Meier, einer anderen, jüngst erst eingetroffenen Ehefrau aus dem Kreis der MAPs (=mit ausreisenden Partner). Ein guter Start an einem sonnigen Frühlingstag, zumal im häufig doch anstrengenden russischsprachigen Alltag endlich mal wieder die Aussicht auf eine entspannte, weil unbedeutende deutsche Konversation, besteht.

Ich rufe also Frau Meier auf dem Handy an, um mich in dem verschachtelten Minsker Hinterhof, irgendwo in der Nähe ihres Wohnhauses, zu orientieren. Freudig versichert sie mir in verschiedenen Sprachen, von denen keine deutsch ist, gleich bei mir zu sein. Sprach’s, und kommt im sommerlichen Flatterkleid und eleganten Flipflops aus dem Haus. Ihr feurig-fremdländisches Erscheinungsbild lässt auf die Philippinen schließen, was sie in einem Sprachgemisch sogleich bestätigt. Im Ambiente der großzügigen Wohnung voller exotischer Möbel, Kunst und Erinnerungsstücke, serviert sie nach dem Eintreffen weiterer Damen einen perfekten deutschen Apfelkuchen und berichtet von den Dauerbaustellen aller Umzüge aus der Elfenbeinküste nach Malaysia nach Deutschland nach Kenia nach Moskau nach China und nach Minsk. Hilfe oder Tipps zu den Minsker Verhältnissen braucht sie keine, dafür ist sie auf der Grundlage jahrelanger Erfahrungen sogleich bereit, bei der Organisation des anstehenden Empfangs des International Women’s Club durch die deutschen Damen zu helfen. Gesagt, getan, alle Fragen sind geklärt.

Ich muss mich leider verabschieden, um nicht zu spät zu meinem Massagetermin um 13.00 Uhr zu kommen, der mich von den Verspannungen der zahllosen und anstrengenden Termine an der Cocktailfront befreien wird. Flugs fahre ich also zum 1. Städtischen Krankenhaus und parke aufgrund der bereits eingetretenen leichten Verzögerung auf dem Gehsteig, was ärgerlich für die Fußgänger und verzeihlich für die Polizei ist – beides aufgrund des Diplomatenkennzeichens.

Wellnessmäßig entspannt geht es gegen 14.30 Uhr weiter zur nächsten Dienstverpflichtung, dem House-Keeping für eine weitere betroffene Ehrefrau. Gerne helfe ich aus, zumal wir bemerkt haben, dass es uns zwei beide aus demselben Abiturjahrgang aus derselben mitteldeutschen Diplomatenstadt in die weißrussische Hauptstadt verschlagen hat. Das verbindet. Und außerdem ist die Dame mit ihrem Göttergatten auf Heimaturlaub, so dass ich auf eine Mitfahrgelegenheit für zahlreiche in Küche und Haushalt vermisste Utensilien und Zutaten hoffen kann.

Solchermaßen motiviert, mache ich mich auf den Weg in den Supermarkt, um die letzten Zutaten für das heutige Abendessen zu besorgen, denn auch das gehört schließlich zu meinen dienstlichen Verpflichtungen. Wofür ich übrigens, das möchte ich nicht verschweigen, ein „Nadelgeld“ (sic!) von 500 € erhalte. Für’s Vaterland. Morgen ist wieder ein normaler Arbeitstag. Ich freue mich auf meinen Schreibtisch.

Minsk, 2012